Als im Théatre de Paris im Mai 1913 laute Buh – Rufe zu hören waren, die mit wüsten  Beleidigungen in späteren Prügeleien kulminierten, war wohl dem Letzten klar, dass es an diesem Abend zu einem kulturell folgenschweren Zwischenfall gekommen sein musste. Wie sich dieser Abend aber historisch auswirken würde, war nicht zu erahnen, wenn der Skandal auch kalkuliert war. Was auch immer passiert war, eines war sicher: Das noch junge 20. Jahrhundert schickte sich mit dem an diesem Abend aufgeführten Werk an, das 19. Jahrhundert in rigoroser Modernität hinter sich zu lassen, es fast gewaltsam aus den Köpfen der Menschen verdrängen zu wollen. Selbst heute ist die konsequente Moderne und der Wille, diese endlich Wirklichkeit werden zu lassen, ohne auch nur ein wenig von seiner Wirkung eingebüßt zu haben in der Musik spür- und hörbar.

Le Sacre du Printemps

„Le Sacre du Printemps“ hatte das Licht der Welt erblickt, dieses heute noch epochemachende Ballett von Igor Strawinsky, das die Grenzen der Musik aufgeweicht, ja, zerschlagen hat. Es war revolutionär, wie die Tänzerinnen und Tänzer nackt Ritual- und Fruchtbarkeitstänze zelebrierten und sich kopulierend hingaben zu bis dato nie gehörten Klängen. Strawinsky sprengte die gängigen Vorstellungen von Musik in einer sagenhaften Explosion aus teilweise dissonanten Klangkonstruktionen, polyrhythmischen Kaskaden und scharfen Schnitten, welche die einzelnen Teile des Werkes wie mit einem Skalpell zertrennten. Mit Musik, wie man sie bis zu diesem Abend kannte, hatte das Ganze beim ersten Hören nicht mehr viel gemeinsam.

Denn es war schwer in diesem Wust aus Noten und Klängen überhaupt noch „normale“ Akkorde zu erkennen. Wild wurden Harmonien durcheinander gewürfelt und chromatisch nebeneinander gestellt. Wer sich die Partitur ansieht, wird dies mit einem staunenden Blick feststellen. Auch Strawinskys Kompositionskollegen haben wohl ähnliches empfunden haben. Beispielsweise Claude Debussy, der große französische Impressionist, der Strawinsky in seinen früheren Kompositionen noch beeinflusst hat, versuchte sich einmal an der Pianofassung des „Sacre“ und kam offensichtlich nicht damit zurecht. Der bekannte Musikkritiker Wolfram Goertz zitierte Debussy in einem Artikel zu Strawinsky folgendermaßen:

„Für mich, der ich den anderen Hang des Hügels hinabsteige, bedeutet es eine Genugtuung zu sehen, wie weit Sie die Grenzen des Erlaubten im Bereich der Töne verschoben haben.“ (Claude Debussy bei W.Goertz, in: Rheinische Post))

Man kann es als phantasievoll verkleidete Kritik ansehen oder als einfallsreiches Kompliment, doch es zeigt den Eindruck, den die Komposition bei Debussy hinterlassen haben muss. Vor allem wo er, Debussy, Strawinsky doch kompositorisch anfangs noch stark beeinflusst hat. Es sind tiefe Spuren, die dieses Werk in der Musikwelt hinterlassen hat. Nicht nur in der Grenzüberschreitung des Harmonischen Gesamtgebildes, sondern auch in der Art, wie Strawinsky mit dem Orchester spielte. Laute Tutti-Stellen, brachialer Einsatz der Percussionsinstrumente und zerrissene Motive sind lautes Zeugnis dafür. Walt Disney hat in seinem Film „Fantasia“ 1940 Teile aus „Sacre du printemps“ verwendet und dem Werk somit einen Popularitätsschub ermöglicht.

Musikalische Neuerungen im knappen Überblick

  • Dissonanzen
  • Polytonalität
  • Polyrhythmik
  • Auflösung bekannter musikalischer Strukturen
  • Schichtung von Motiven und Klängen

Wirkung bis hin zur Animotion Machine

Bis in die 0er Jahre des 21. Jahrhunderts inspiriert dieses Werk nach wie vor immer wieder Musiker, Tänzer und Künstler zu neuen Adaptionen und kreativen Ideen. Es scheint fast so, als habe Strawinsky der Kreativität zu völliger Freiheit verholfen, da sein Werk so viel hat möglich werden lassen, Grenzen im Geist aufgelöst hat. Man kann sich schwerlich vorstellen, dass eine Musikerpersönlichkeit wie beispielsweise die des amerikanischen Künstlers Frank Zappa ohne Strawinsky so hätte entstehen können. Auch in vielen Filmscores Hollywoods sind bis in unsere heutige Zeit immer wieder Elemente und Herangehensweisen aus „Sacre du printemps“ zu entdecken. Man denke nur an die berühmten Sequenzen aus „Der weiße Hai“. Wie bunt schillernd und inspirierend dieses Werk sein kann, ist in der Visualisierung durch die Music Animotion Machine zu sehen, die dem Zuhörer auch die visuelle Dimension der Komposition vor Augen führt. Hier ist sie auf Youtube zu sehen: http://youtu.be/02tkp6eeh40

Schritt in die Moderne

Ob sich die prügelnden Zuschauer im Théatre de Paris vor 100 Jahren vorstellen konnten, wie groß die Spuren sein würden, die dieses Werk hinterlassen würde? Wie groß der Schritt in die Moderne war, dem sie mit ihrem Ganng nicht folgen konnten? Wohl eher nicht. Es bleibt schließlich die Frage und Hoffnung, wann es zukünftig irgendwo auf der Welt zu einer solch aufsehenerregenden Aufführung eines neuen Künstlers mit einer neuen Musik kommen wird, die vielleicht wieder die Zuschauer empört von ihren Sitzen aufspringen lässt.

Bildquelle:
By Helga Wiener (1877-1940) 1930, Quelle: Sotheby’s
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