Persönliche Gedanken zum Tode von Florian Schneider

Die so spannungsvoll aufsteigende Querflötenmelodie mit ihrem ätherischen Charakter zu Beginn des Stücks hatte mich schon beim ersten Hören so gefangen genommen, dass ich den Anfang immer und immer wieder hören musste. Sie scheint aus dem Nichts zu kommen, um dann in der Ewigkeit zu verschwinden. Eine bessere Einleitung für dieses Stück konnte es nicht geben, dachte ich mir. Nahm es doch mit dem Gebrauch von Effekten und der atmosphärischen Dichte viel von dem vorweg, was in den folgenden 70er Jahren in der Popmusik passieren sollte. Auch stellte sie den perfekten Gegenpol zu dem nervösen Hauptmotiv.

Florian Schneider live in Ferrara, Italien 2005.
Copyright of photography: Author: Daniele Dalledonne, CC license

Der Flötist, der diese Noten spielte, war Florian Schneider von Kraftwerk und das Stück heißt Ruckzuck. Es wurde in der Fernsehsendung Kennzeichen D als Titellied genutzt und 1972 in der Musikzeitschrift Sounds Song des Jahres. Nun ist Florian Schneider im Alter von 73 Jahren gestorben. Zusammen mit Ralf Hütter hatte er 1968 die Band Organisation gegründet, aus der dann Kraftwerk werden sollte. Ich habe Kraftwerk im Rückblick erst richtig kennengelernt, auch wenn ich als Düsseldorfer natürlich immer irgendwie mit dem Namen und der Geschichte der Band in Berührung kam, so wie während meiner Londonaufenthalts, bei dem ich oft zu hören bekam: „Oh, Dusseldorf, isn’t it the city of Kraftwerk, is it?“ Aber warum hatte mich gerade Ruckzuck so beeindruckt? Es war die Flöte von Florian Schneider und der akustische Gegenpol zu der Elektronik der folgenden Jahre. Denn die frühen Stücke Kraftwerks haben schon den weiten künstlerischen Horizont der Musiker, speziell Florian Schneiders gezeigt, auch wenn anfangs noch das Psychedelische und der Krautrock jener Zeit durchschimmerte. Der Reiz von Ruckzuck lag für mich aber, neben dem witzigen Titel, gerade in der Verschmelzung von elektronischen und klassischen Instrumenten, einfach konzipierten Melodien in einem völlig neuen Klangkosmos. Es ist beinahe wie ein abstraktes Konzept der Verbindung von Natur und Technik, das sich hier abzeichnet. Und so ging es auch ruckzuck weiter mit der Band Kraftwerk und ihrer Musik, die bald vollkommen im Elektropop aufgehen und den Begriff elektronische Musik fortan international definieren sollte. Schneider erwies sich hier als der Soundfetischist der Band, der nicht nur die Roboterstimmen immer weiter verfeinerte, sondern auch an allen wichtigen Kraftwerk-Alben beteiligt war.

Was mich aber besonders berührt hat, war seine zurückhaltende und ruhige Art, die in den wenigen Interviews wohltuend rüber kam. Egal, ob er über Kraftwerk oder das Umweltprojekt Parley for the Oceans sprach, für das er sich engagierte. Er war offensichtlich immer fernab von jeglichen Allüren.

Der Verlust von Schneider ist also ein großer. Nicht nur als Musiker, sondern auch als Mensch. Die Querflöte aus Ruckzuck wird trotzdem weiter spielen, so wie mich die Robovox weiter auf der Autobahn begleiten wird.