Wir schreiben das Jahr 2026. In den unendlichen Weiten des Musikuniversums hat eine Entdeckung Einzug gehalten, deren Tragweite man vor einigen Jahren nur erahnen konnte: Die Künstliche Intelligenz.
Noch ist sie keine eigene Spezies – zumindest nicht biologisch – doch viele betrachten sie bereits mit einem mulmigen Gefühl. Und genau da liegt der Kern: beim Gefühl. KI-Algorithmen generieren heute per Knopfdruck in Sekundenschnelle Songs, Instrumentaltitel oder ganze Symphonien. Das Ergebnis sind „perfekte“ Produktionen ohne jede Schwäche – aber eben auch ohne Ecken und Kanten. Während die Cloud mit dieser generischen Musik geflutet wird, stellt sich die Gretchenfrage: Wo bleibt die Seele?
Die Illusion der Perfektion
KI-Musiktools wie Suno oder Udio sind beeindruckend. Sie beherrschen die Mathematik der Musik, kennen jede Akkordfolge und jedes Arrangement. Kein Musiker der Geschichte, weder Bach noch Beethoven, hätte über ein derartiges statistisches Wissen verfügen können.
Es wirkt fast, als hätte man – wie Adrian Leverkühn in Thomas Manns Doktor Faustus – den Schlüssel zu einer grenzenlosen, aber kalten Genialität erhalten. Doch diese Tools leiden an einem fundamentalen Defekt: Sie haben nichts zu erzählen.
Ein Algorithmus litt noch nie an Liebeskummer. Er kennt nicht die Euphorie nach einem langen Spaziergang durch London und er weiß nicht, wie sich das Zittern anfühlt, wenn man in der Aufnahmekabine steht und zum ersten Mal einen neuen Text einsingt oder eine Gitarre einspielt. All das sind Parameter der emotionalen Intelligenz, die in der Musik mitschwingen. KI-Musik ist Musik aus dem Rückspiegel: Sie fasst nur statistisch zusammen, was bereits existiert.
Das Handwerk: Wenn Fehler zu Kunst werden
In einem meiner früheren Essays habe ich über den Soundtrack des Filmklassikers Notting Hill geschrieben. Dort fällt der Begriff des „musikalischen Kitts“. Was diesen Kitt so wertvoll macht, ist das menschliche Moment. Es ist das Atmen zwischen den Phrasen, das minimale Schwanken im Tempo, die bewusste Entscheidung für eine Dissonanz, die eigentlich „falsch“ ist, aber sich genau deswegen richtig anfühlt. Das ist echtes Handwerk. Es ist die Entscheidung gegen die mathematische Wahrscheinlichkeit und kalte Perfektion. Gleichzeitig ist es die Entscheidung für das Bauchgefühl und den Moment.

Der Page-Spirit : Perfektion als Tod der Musik
Als Gitarrist komme ich an einem Namen nicht vorbei: Jimmy Page. Der Led-Zeppelin-Gitarrist ist der Beweis dafür, dass eine Aufnahme nicht fehlerfrei sein muss, um unsterblich zu werden.
Legendär ist die Anekdote zu Black Country Woman: Die Band nahm im Garten von Mick Jaggers Anwesen auf, als ein Flugzeug über sie hinwegflog. Auf die besorgte Frage des Tontechnikers, was nun mit dem Lärm sei, antwortete Page nur: „Nah, leave it!“ Er wusste intuitiv, dass dieser echte Schnappschuss der Realität wertvoller war als eine klinisch reine Studioatmosphäre.
Page nannte das „leaving the hair on“ – das Haar in der Suppe lassen. Ob es das quietschende Bassdrum-Pedal in Since I’ve Been Loving You ist oder kleine Spielfehler: Er stellte die Energie immer über die Korrektheit. Genau dieser Spirit macht seine Musik authentisch. Eine KI würde diesen „Lärm“ herausfiltern – und damit das Leben aus dem Song löschen.
„Nah, leave it!“ (Jimmy Page)
Meine Erfahrung im Studio
In Anlehnung an Formate wie What Makes This Song Great kannst du auf meinem akustischen Album erleben, wie man diesen Weg gehen kann – es ist rein mit akustischen Instrumenten entstanden. In meiner eigenen Laufbahn und bei der Arbeit in Studios habe ich diesen „leave the hair on“ Moment oft erlebt. Es sind manchmal genau diese ungeplanten Momente – ein versehentliches Klopfen gegen das Mikrofon, ein Anzählen oder eben ein Umgebungsgeräusch. Sie erwecken einen Take erst zum Leben.
So habe ich es einmal mit einem Pianisten erfahren, der nach seinem Solo am Ende des Stückes so begeistert war und in die Aufnahme reinplapperte und jubilierte. Da wir über ein zusätzliches Mikro und einen Amp aufgenommen haben, hörte man es im Hintergrund, Wir haben es schließlich drauf gelassen, weil es eben die Energie dieses Momentes war.
Eine KI würde diesen „Lärm“ herausfiltern oder ihn als Fehler deklarieren. Doch wir Menschen wissen: In diesen Rissen liegt das Licht. Ein Algorithmus kann berechnen, aber er kann nicht entscheiden, dass ein Fehler genau das Richtige für den Song ist.
Ely Mercer oder: Die totale Leere
Ein moderner Gegenentwurf zu diesem Geist ist der virtuelle Künstler Ely Mercer. Kreiert vom Musikproduzenten Rick Beato, ist Mercer das perfekte Beispiel für die neue Künstlichkeit. Seine Songs stammen von Suno, seine Texte von Claude, sein Gesicht von einer Bild-KI.
Rick Beato zeigt in seinem Video-Essay„I’m sorry… This New Artist Completely Sucks“ eindrucksvoll auf, dass dieser Perfektion die menschliche Unberechenbarkeit fehlt. Mercer ist perfekt, aber er ist „No Hair“ – glattgebügelt und ohne Identität.
Das menschliche Fazit
Das führt uns zurück zum musikalischen Kitt. Dieser Moment ist mit keiner Software der Welt zu kreieren. KI ist ein hilfreiches Werkzeug für lästige technische Aufgaben oder zur Inspiration – aber sie kann keinen menschlichen Moment erschaffen.
Und genau deshalb konnte keine KI meine Releases erstellen. Sie sind echt, sie erzählen Geschichten und sie atmen. Es ist eine Rückbesinnung auf das, was Musik immer sein wird: Eine Brücke von Mensch zu Mensch, nicht von Algorithmus zu User.
Musik ist eine Brücke von Mensch zu Mensch. Überzeuge dich selbst und höre in meine Musik hinein – handgemacht, ehrlich und mit ‚hair on‘
Bildquellen:
Beitragsbild: Erstellt mit Hilfe von KI (Google Gemini)
Foto: Pexels-Lizenz
Musiker | Songwriter | Komponist | Schriftsteller
In seiner Arbeit verbindet er musikalisches Handwerk mit einer tiefen Leidenschaft für Literatur und Ästhetik. Sein Fokus liegt auf der Schnittstelle zwischen Tradition und technologischer Moderne – vom klassischen Roman bis zur künstlichen Intelligenz. Als Kenner kultureller Zusammenhänge spürt er in seinen Essays den Resonanzen nach, die Kunst und Gesellschaft heute formen.